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Alleinerziehende in Schleswig-Holstein

Untersuchung der Diakonie

Alleinerziehende in Schleswig-Holstein wünschen sich gezielte Unterstützung

Alleinerziehende in Schleswig-Holstein haben besondere Herausforderungen zu bewältigen, dennoch gelingt es einer Mehrheit von ihnen nach eigener Aussage, ihre Lebenssituation gut zu meistern. Zahlreiche Alleinerziehende sind stolz auf ihr hohes Organisationstalent. Bemängelt wird jedoch eine unzureichende Unterstützung.

So fehlen häufig eine ausreichende Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und Anlaufstellen, in denen Kontakte, Beratung und konkrete Hilfestellungen im Alltag zusammengefasst angeboten werden. Fast alle Alleinerziehenden klagen über akuten Zeitmangel. Viele von ihnen verfügen über ein deutlich zu niedriges Einkommen. Zudem wünschen sie sich eine vorurteilsfreie Anerkennung ihrer Familien- und Lebensform.

Ein Projekt des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein hat die Lebenslagen Alleinerziehender in Schleswig-Holstein untersucht und dabei einen Schwerpunkt auf den ländlichen Raum gelegt. Ausgewählt waren die Kreise Dithmarschen und Ostholstein und als städtischer Vergleich die Stadt Neumünster - drei Regionen mit einem erhöhten Armutsrisiko.

56.000 der 91.000 Alleinerziehenden in Schleswig-Holstein haben Kinder unter 18 Jahren. 54 Prozent betreuen ein Kind, 35 Prozent zwei Kinder und rund zehn Prozent drei und mehr Kinder. Der Anteil der alleinerziehenden Väter beträgt ebenfalls etwa zehn Prozent.
Jedes fünfte Kind in Schleswig-Holstein wird von nur einem Elternteil betreut. „Alleinerziehend“ beschreibt unterschiedliche Lebenssituationen: geschieden, getrennt lebend, in neuer Partner-schaft aber in getrennten Wohnungen, verwitwet oder ledig. In ganz Deutschland leben rund 1,6 Millionen alleinerziehende Mütter und Väter mit 2,2 Millionen Kindern.

Das Projekt der Diakonie verbindet eine umfangreiche statistische Datenerhebung mit einer intensiven Befragung von Alleinerziehenden. „Die Methode der ‚qualifizierten Interviews‘ unterstreicht die Absicht des Projekts, Alleinerziehende zu Beteiligten von Veränderungsprozessen zu machen. Die Betroffenen selbst wissen am besten, woran es ihnen mangelt und was konkret verbessert werden muss“, erklärte Landespastorin Thobaben am Montag in Kiel bei der Vorstellung der Ergebnisse. „Wir wollen mit diesem Projekt beispielhaft am Thema ‚Alleinerziehend‘ eine Sozialberichterstattung aufzeigen, die wir für ganz Schleswig-Holstein und für alle sozialen Bereiche für unverzichtbar halten“, sagte Thobaben.

Alleinerziehende sind die Bevölkerungsgruppe mit dem höchsten Armutsrisiko. In Schleswig-Holstein sind 40 Prozent von ihnen auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Rund 15 Prozent sind verschuldet. Besonders die Wohnkosten sind eine hohe Belastung. Etwa die Hälfte der Alleinerziehenden kann sich keinen Urlaub leisten. Dennoch bezeichnen drei Viertel von ihnen ihren Gesundheitszustand als gut.

Auch in Schleswig-Holstein leben Alleinerziehende vermehrt in der Stadt. Ihr Anteil an Eltern von eingeschulten Kindern lag in Neumünster bei 22 Prozent, in Ostholstein mit elf und in Dith-marschen mit 15 Prozent deutlich darunter.

Die umfangreichen Interviews, die mit den Alleinerziehenden für die Untersuchung geführt wurden, ergaben folgendes Bild: Fast alle Alleinerziehenden wollen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nach Möglichkeit einer Vollzeitbeschäftigung. Mehrarbeit, Nachtschichten oder Arbeit am Wochenende wird als besonders belastend empfunden. Etwa die Hälfte von ihnen arbeitet Vollzeit, die anderen meist 20 bis 30 Stunden in der Woche. Obwohl einige Interviewte zwei Berufsausbildungen abgeschlossen haben, zeigte sich: Bildung schützt nicht in jedem Fall vor Arbeitslosigkeit.

Für die Betreuung der Kinder fehlen flexible, kostengünstige und qualifizierte Angebote, auch in den Schulferien. Dieser Mangel ist oft ein Grund für eine Beschäftigungslosigkeit.

Weitere Ergebnisse der Untersuchung. Erschwerend bei der Wohnungssuche waren Vorurteile von Vermietern. Zudem werden wegen Zeitmangels notwendige Arztbesuche unterlassen. Häufig sind die eigenen Eltern für die Kinderbetreuung und auch für eine finanzielle Unterstützung besonders wichtig.

Viele Alleinerziehende suchen Beratungsstellen auf, insbesondere für Erziehungsfragen oder Hilfe für Behördenkontakte. Bei Ämtern und Behörden bemängelten viele Interviewte fehlende Unterstützung, Vorurteile und unverständliche Sprache.

Fast einhellig wurde festgestellt: Alleinerziehend und berufstätig ist der Alltag mit dem öffentlichen Nahverkehr in Schleswig-Holstein nicht zu organisieren. Ein Auto ist unverzichtbar, bedeutet aber zugleich eine Kostenfalle.

Mit Abschluss der Untersuchung hat das Diakonische Werk einen umfangreichen Forderungskatalog zur Verbesserung der Lebenssituation von Alleinerziehenden in Schleswig-Holstein zusammengestellt. Zudem fördert die Diakonie in den untersuchten Gebieten jetzt die Zusammenarbeit aller beteiligten Institutionen. Vorrang hat hierbei die Kompetenz der Alleinerziehenden, konkreten Veränderungsbedarf zu benennen.