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„Integration vom ersten Tag an“ - eine Bilanz nach anderthalb Jahren Flüchtlingspakt in Schleswig-Holstein

Rendsburg/Schleswig, 1. November 2016 I Wenige Tage vor der Flüchtlingskonferenz in Lübeck würdigen Kirche und Diakonie das anhaltend hohe Engagement für Zufluchtsuchende in Schleswig-Holstein. Bischof Gothart Magaard und Landespastor Heiko Naß bringen jedoch auch Hemmnisse bei der Integration zur Sprache. Dazu gehören u.a. hohe Hürden bei der Familienzusammenführung, fehlende Kapazitäten beim Spracherwerb und die unzureichende Ausstattung der Ausländerbehörden. Ihre Erfahrungen und Vorschläge wollen sie bei der Flüchtlingskonferenz am 9. November einbringen.

Im vergangenen Jahr kamen 55.000 Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein, von denen 35.000 blieben. 2016 sind bis Mitte Oktober 8.600 Zufluchtsuchende neu angekommen. „Was von so vielen engagierten Menschen an zahlreichen Orten ehren- und hauptamtlich geleistet wurde und wird, ist vorbildhaft“, so Magaard. Als Pate des 2015 geschlossenen Flüchtlingspaktes hat der Bischof in den vergangenen Monaten mehr als 40 Initiativen der Flüchtlingsarbeit besucht und dabei Eindrücke und Rückmeldungen gesammelt. Zugleich bringt er das Thema immer wieder bei Foren und Begegnungen zur Sprache. „Gute Integrationsarbeit stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ist ein geeignetes Mittel, um politisch extremem Denken und einer Abwertung von Flüchtlingen entgegenzuwirken“, betont Magaard.

Nordkirche und Diakonie tragen selbst zur Integration von Flüchtlingen in Schleswig-Holstein bei. In rund 170 Kirchengemeinden setzten sich nach wie vor zahlreiche Ehrenamtliche für Migrantinnen und Migranten ein. Zur Koordination der Freiwilligen arbeiten inzwischen in allen Kirchenkreisen hauptamtliche Flüchtlingsbeauftragte. Dafür stehen für die Dauer von fünf Jahren 3,25 Millionen Euro zur Verfügung. Die Diakonie baute das Netz der Migrationsfachdienste und die Flüchtlingsberatung aus, richtete zusätzliche Unterkünfte für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein und unterstützt die Arbeit von Ehrenamtlichen.

„Diese Bilanz kann sich sehen lassen“, ist Landespastor Naß überzeugt, weist aber auch auf nach wie vor bestehende Hemmnisse bei der Integration hin. „Viele Flüchtlinge haben eine unsichere Lebensperspektive, weil sie ihre Familien nicht nachholen können.“ Oft werde nur subsidärer Schutz gewährt, der einen Familiennachzug auf zwei Jahre aussetzt. Naß fordert den schleswig-holsteinischen Innenminister auf, bei der Innenministerkonferenz Ende November in Saarbrücken auf eine Änderung dieser Praxis hinzuwirken. Das Land solle sich zudem dafür einsetzen, das Bundes-Integrationsgesetz integrationsfreundlich umzusetzen, indem es von der Wohnsitzverpflichtung keinen Gebrauch macht und Abschiebeschutz für alle Schutzsuchenden garantiert, die eine Ausbildung anfangen. Darüber hinaus sei es unbedingt notwendig, die Arbeitsfähigkeit der Ausländerbehörden in Schleswig-Holstein flächendeckend herzustellen. „Die Behörden sind oft personell überlastet und für Beratungsstellen und Flüchtlinge nur schwer erreichbar“, weiß Doris Kratz-Hinrichsen, Referentin für Migration und Flucht beim Diakonischen Werk Schleswig-Holstein.

Bischof Magaard weist auf eine weitere Barriere bei der Integration hin: die nach wie vor unzureichende Finanzierung von Sprachkursen. „Hinzu kommt, dass für bestimmte Gruppen wie zum Beispiel aus Afghanistan Geflüchtete wegen ihrer ungeklärten Bleibeperspektive Sprachkurse gar nicht vorgesehen sind“, so Magaard. Jedem Asylsuchenden müsse Sprachausbildung angeboten werden, die zu einem Zertifikat führe und einen Eintritt ins Erwerbsleben ermögliche.

Darüber hinaus appellieren Bischof Magaard und Landespastor Naß an die Landesregierung, für unbegleitete minderjährige Ausländer auch nach dem vollendeten 18. Lebensjahr Schulbesuch und Unterstützung durch die Jugendhilfe zu ermöglichen. In Schleswig-Holstein ist die Gewährung von Hilfen für junge Volljährige nicht einheitlich geregelt. Viele Betroffene fallen deshalb aus der Jugendhilfe heraus oder werden nicht mehr beschult. Teilweise müssen sie zurück in die Erstaufnahme. „Dies gefährdet bereits erzielte Integrationserfolge“, befürchtet Bischof Magaard.

Neben dem Abbau von Integrationshindernissen spricht sich Landespastor Naß dafür aus, die freiwillige unabhängige Rückkehrberatung zu fördern. Dabei soll ausreisepflichtigen Menschen geholfen werden, Perspektiven für eine Existenz in ihrer Heimat zu finden. Landespastor Heiko Naß: „Wir würden uns am Aufbau von entsprechenden Rückkehrberatungsstellen in Schleswig-Holstein beteiligen. Die freiwillige Rückkehrberatung ist wirksamer und für die Betroffenen nachhaltiger. Zwangsweise Abschiebungen lehnen wir ab. Die Erfahrungen damit in den letzten zehn Jahren haben dazu geführt, dass die Abschiebungshaft in Rendsburg geschlossen wurde.“

Für Rückfragen:

Friedrich Keller…...........................Pressesprecher Diakonisches Werk Schleswig-

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Marie-Elisabeth Most-Werbeck…..Pressereferentin Bischofskanzlei Schleswig,
                                                        Tel: 04621-30700 11, Mobil: 0151-42 2253 03