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  • Diakonie Schleswig-Holstein

„Wir verändern uns als Gesellschaft insgesamt“

Landespastor und Chef der Diakonie in Schleswig-Holstein Heiko Naß im Gespräch mit der „Evangelischen Zeitung“

Seit dem 1. November ist Heiko Naß Landespastor der Diakonie in Schleswig-Holstein. Diakonische Arbeit ist dem 50-Jährigen seit vielen Jahren vertraut. So begleitete er ehrenamtlich Strafentlassene; als Pastor im Ehrenamt initiierte er im Kieler Stadtteil Gaarden ein Projekt für Arbeitslose. Und die Zeit, in der er auf seine Vikariatsstelle warten musste, nutzte der damals 24-Jährige, um als Pflegediensthelfer auf einer Station für Schwerstpflegebedürftige zu arbeiten. „Ich wollte meine Zeit nutzen in einem Bereich, in dem ich mit Menschen zu tun habe, mit denen ich auch später als Pastor zu tun haben werde“, fasst Naß diese Stationen im Gepräch mit der „Evangelischen Zeitung“ zusammen.

Evangelische Zeitung: Herr Landespastor Naß, sie sind jetzt seit wenig mehr als 100 Tagen im Amt als Landespastor und Chef des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein. Gibt es schon Schwerpunkte, die sich für Sie herausgebildet haben?

Heiko Naß: Die zurückliegenden Wochen habe ich mich intensiv mit den Themen der Diakonie Schleswig-Holstein auseinandergesetzt und viele Einrichtungen besucht. Erste Schwerpunkte meiner Tätigkeit sehe ich darin, die Situation der Flüchtlinge, die nach Schleswig-Holstein kommen, zu verbessern. Dabei geht es nicht nur um die konkrete Hilfe, es geht auch um die Einstellung unserer Gesellschaft. Wir werden zu einem Einwanderungsland. Es ist zu kurz gegriffen, wenn wir unsere Unterstützung darauf ausrichten, dass Flüchtlinge und Migranten Deutsch lernen und sich integrieren. Wir verändern uns dabei als Gesellschaft insgesamt. Und das müssen wir noch lernen.

Ein weiteres drängendes Thema ist der signifikante Anstieg der Wohnungslosigkeit. Das trifft oft Menschen, die durch alle Maschen der Hilfestellungen gefallen sind. Mir ist es wichtig, eine Aufmerksamkeit für übersehene Not in unserem Land zu gewinnen.

Ministerpräsident Albig hatte jüngst angekündigt, dass in diesem Jahr bis zu 20 000 Flüchtlinge erwartet werden. Wie reagiert die Diakonie auf diese Zahlen?

Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein stellt sich mit seinen Einrichtungen im gesamten Land auf die stark zunehmende Zahl bei Flüchtlingen ein. Dabei kann es nicht nur darum gehen, ausreichend Unterkünfte und Verpflegung bereitzustellen. Genauso wichtig ist es, die Asylsuchenden zu betreuen und zu beraten. Nur wer ausreichend Deutsch spricht und die Sozial- und Rechtssysteme kennt, kann sich integrieren. Deshalb wird die flächendeckende Beratung der Migrationsfachstellen ausgebaut.

Das Diakonische Werk hat allein für diese Aufgaben zusätzliche 50 000 Euro eingeplant. Weitere Beratungsstellen werden durch mehrere Kirchenkreisdiakonien geschaffen. Ein anderer Baustein ist die Qualifizierung von Ehrenamtlichen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Ende Dezember äußerten Sie sich besorgt über die Situation von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Hat die Diakonie hier Verbesserungen erreichen können?

Kurz vor Weihnachten war in den betroffenen Einrichtungen der Jugendhilfe die Situation dramatisch. Es waren alle Plätze für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge belegt, teilweise sogar überbelegt, aber dennoch standen die Polizei und der soziale Dienst mit neuen Jugendlichen vor der Tür. Der soziale Dienst, gerade in Neumünster, ist sehr engagiert, die Lage zu verbessern. Die Vorwerker Diakonie in Lübeck hat sechs, das Elisabethheim in Havetoft 20 und die IUVO in Neumünster 80 Betreuungsplätze für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. Bei Bedarf werden in allen drei Einrichtungen auch zusätzliche minderjährige Flüchtlinge aufgenommen.

Der demografische Wandel stellt eine enorme Aufgabe für die Sozialsysteme dar. In den nächsten 15 Jahren wird die Zahl der Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, rapide zunehmen. Aber schon jetzt fehlen Pflegekräfte. Wie kann die Diakonie diesem Missstand abhelfen?

Es  ist klar, dass der demografische Wandel auch die Pflege vor große Herausforderungen stellt. Gute Ausbildung in unseren Altenpflegeschulen, ein Curriculum, dass auch den alten Menschen ganzheitlich auch in seinen seelischen Fragen ernstnimmt, eine Begleitung in der Ausbildung und die Ermöglichung von Fortbildung sind Bausteine, um den Beruf der Pflege bei der Diakonie attraktiv zu machen. Dazu gehört natürlich auch eine angemessene Bezahlung. Wir haben aber noch mehr an der Vernetzung von Diakonie und Kirche arbeiten. Ich wünsche mir noch stärker ein Miteinander. Es ist gut, wenn wir Menschen im Alter das Versprechen geben können, dass wir über die Kontakte zwischen Kirchengemeinden und Diakonie Menschen in Pflegesituation in dem vertrauten Netz der Beziehungen halten können.

Bei Ihrer Amtseinführung sagten Sie, Sie sähen es als Herausforderung an, das kirchliche Leben innerhalb der Diakonie mit den zivilgesellschaftlichen Kräften zu bündeln. Was bedeutet das konkret?

Wir haben mit anderen gesellschaftlichen Institutionen viele Schnittmengen; zum Beispiel in der Flüchtlingsarbeit mit den Sportvereinen oder auch in der Gesundheitsvorsorge in der Fläche. Ich bin ein Netzwerker und möchte diese Kräfte weiter bestärken.

Ein ganz großes Thema aber ist die Frage, nach welchen Kriterien soziale Arbeit in unserem Land refinanziert wird. Ich weiß, dass das Land unter der Verantwortung der Schuldenbremse steht und Kreise und kreisfreie Städte sich einer strikten Hausverantwortung unterstellen. Umso wichtiger ist es, dass wir nach intelligenten Lösungen suchen. Dabei sollte soziale Arbeit nicht vom Diktat der Preisspirale nach unten regiert werden, sondern wir müssen von einer Bestärkung und Wertschätzung der Menschen mit Hilfebedarf ausgehen.

Dazu gehört, dass wir als diakonisches Werk den Menschen in seiner ganzen, körperlichen, seelischen und sozialen Bedürftigkeit sehen und unsere Angebote daraufhin ausrichten, diese ganzheitliche Sicht einzutragen. Es ist allerdings ein zäher Prozess, dass diese ganzheitlich ausgerichtete Arbeit auch entsprechend und angemessen finanziert wird. Dazu gehören Werte wie evaluierte Qualität, Kontinuität von Mitarbeitenden oder Tariftreue. Hier sehe ich eine wichtige Aufgabe, mit meinen Kräften und Kompetenz für diese Überzeugung zu werben.

Bei der Einweihung des Zentrallagers  der Rendsburger Tafel verwies Propst Sönke Funck kürzlich auf den Psalm 140,13: „Ich weiß, dass der HERR des Elenden Sache führen und den Armen Recht schaffen wird.“  - Die Diakonie ist nach ersten Jahren der Kritik an den „Tafeln“ inzwischen selbst ein großer Betreiber dieser Form der Hilfe in Notlagen. Aber reicht die Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige, „den Armen Recht zu schaffen“?

Natürlich können die Tafeln nur die erste Not lindern. Dabei kommen zunehmend auch Menschen zu den Tafeln, die berufstätig sind und dennoch zu wenig Geld für den Lebensunterhalt haben.  Doch die Diakonie bietet Bedürftigen weit mehr als nur günstige oder kostenlose Lebensmittel. Sie ist Träger zahlreicher Beratungsangebote wie der Wohnungslosenhilfe, den Familienzentren oder der Schuldnerberatung. Die Mitarbeiter dort suchen gemeinsam mit den Betroffenen Wege aus schwierigen Lebenslagen.

Die Wartezeit auf Ihr Vikariat nutzten Sie, um als Pflegediensthelfer auf einer Station für schwerstpflegebedürftige Menschen. Hat Sie diese Arbeit geprägt?

Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die in der Pflege arbeiten und weiß um die Belastungen. Dazu gehören sowohl das Arbeiten im Schichtdienst, Personalknappheit, Überforderungssituationen wie auch die Herausforderung mit Leid, mit Einsamkeit im Alter, mit Sterben und Tod. Oft hätte ich gerne noch mehr Zeit gehabt, mit den Menschen, die in der Pflege betreut werden, zu reden und mich ihnen zuzuwenden Denn ich habe viel Bedürftigkeit und eine Sehnsucht nach Wahrnehmung gespürt. Ich werde mich auch als Landespastor für eine Stärkung eines ganzheitlichen Pflegebegriffes einsetzen, in der diese Bedürftigkeiten zum Tragen kommen können.