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Schulden machen krank – Fachtag in Kiel

Rendsburg/Kiel, 7. Juni 2016 I Gesundheitliche Probleme sind einer der Hauptauslöser von Überschuldung. Immer mehr Menschen in Schleswig-Holstein geraten deshalb in die Schuldenfalle. Gleichzeitig führt Überschuldung zu psychischen und physischen Problemen sowie zu Erkrankungen. Diese Zusammenhänge waren heute Thema auf einem Fachtag der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Kiel. Experten aus Deutschland und Österreich gaben Einblick in neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigten anhand von Projekten, wie der Teufelskreis von Schulden und Krankheit durchbrochen werden kann. Der Fachtag wurde im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche der Schuldnerberatung veranstaltet.

Im Jahr 2015 gab jeder siebte Klient (14,3 %) einer Schuldnerberatungsstelle in Schleswig-Holstein an, die Überschuldung sei vor allem durch Krankheit, Sucht oder den Folgen eines Unfalls ausgelöst worden. In den vergangenen Jahren ist diese Zahl stetig gestiegen. 2014 waren es noch 13,7 Prozent der Klienten. Besonders häufig ist bei arbeitslosen Ratsuchenden (18,2 %) Krankheit der Grund für Überschuldung. Bei Erwerbstätigen liegt der Anteil bei 7,4 Prozent. Die Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein geht davon aus, dass die Dunkelziffer in diesem Bereich noch viel höher liegt. Der Grund: nur ein Teil der überschuldeten Menschen suchen überhaupt eine Beratungsstelle auf.

Auf der anderen Seite machen Schulden krank. „In unseren Beratungsstellen klagen immer mehr Klienten über zunehmende gesundheitliche Probleme“, sagt Alis Rohlf, Leiterin der Koordinierungsstelle. „Überschuldung ist mehr als nur ein materielles Problem. Sie hat gravierende Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Familien. Die Bedrohung der existentiellen Grundlage führt in die soziale Isolation und belastet erheblich die physische und psychische Gesundheit.“

Gerhard Trabert, Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der RheinMain Hochschule in Wiesbaden, macht für diese Entwicklungen die zahlreichen sozialen Einschnitte der vergangenen 15 Jahre mitverantwortlich. Die politisch gewollte deutliche Zunahme von Eigenbeteiligungen im Gesundheitssystem führen nach seiner Ansicht dazu, dass sich Patienten gerade mit niedrigen Einkommen entweder verschulden oder nicht behandeln lassen. „In der Folge verschlimmern sich die Krankheiten oder werden chronisch. Außerdem steigt die Sterberate unter den Betroffenen“, so Trabert.  „Mittlerweile haben viele Patienten, die unter einer Krebserkrankung leiden, mehr Angst vor einem sozialen Abstieg als vor den direkten Auswirkungen der Krankheit.“

Peter Kopf, Geschäftsführer der ifs Schuldenberatung im österreichischen Bregenz, und Maria Fitzka von der ASB Schuldnerberatungen aus Wien berichteten von drei  abgeschlossenen Projekten zum Thema Schulden und Gesundheit in Österreich. Danach leiden 71 Prozent der ratsuchenden überschuldeten Menschen unter Stress, 63 Prozent unter Depressionen, fast 60 Prozent unter psychischen Problemen und 60 Prozent unter Schlafstörungen. Bei jeder siebten Person sei aufgrund von Krankheit und Sucht eine Schuldenregulierung nicht möglich. Deshalb setzt sich die ifs Schuldenberatungfür eine stärkere Zusammenarbeitzwischen Schuldenberatern, Fachleuten aus dem Gesundheits- und Sozialbereich und Arbeitgebern ein. Ziel sei eine bessere Gesundheitsprävention und –versorgung sowie Vernetzung der Klienten.

Die Schuldnerberatungsstellen in Schleswig-Holstein verfolgen ebenfalls einen ganzheitlichen Ansatz. „Wir unterstützen die hilfesuchenden Menschen, ihre Lebensverhältnisse zu stabilisieren. Dazu gehört ganz wesentlich der Erhalt des Arbeitsplatzes“, betont Alis Rohlf. Hinzu kommt die präventive Arbeit der Beratungsstellen. Unter anderem werden Veranstaltungen zu den Themen Geld, Konsum und Schulden angeboten. Im Blickpunkt stehen dabei vor allem junge Erwachsene, die zunehmend auch von Überschuldung betroffen sind.

In Schleswig-Holstein gibt es insgesamt 35 anerkannte und öffentlich geförderte Beratungsstellen mit 107 Vollzeitstellen. Sie werden je nach Aufgabenbereich vom Land oder den Kommunen finanziert und erhalten darüber hinaus Unterstützung vom Sparkassen- und Giroverband. Die Koordinierungsstelle mit Sitz in Rendsburg begleitet den landesweiten, trägerübergreifenden Qualitätsprozess, fördert die Schuldenprävention und ist für die Fortbildung verantwortlich.

Für Rückfragen:

Friedrich Keller…………..Pressesprecher, Diakonisches Werk Schleswig-Holstein

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