Coronakrise stellt Wohnungslosenhilfe vor große Herausforderungen

In Schleswig-Holstein ist nach wie vor eine hohe Zahl von Menschen von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen. Das ergibt die aktuelle Statistik des Diakonischen Werkes. Gleichzeitig hat sich die Situation der Betroffenen während der Corona-Krise weiter verschärft. Dank des hohen Einsatzes der Mitarbeitenden in der Wohnungslosenhilfe und der guten Zusammenarbeit mit vielen Kommunen ist es aber gelungen, vor allem in den Wintermonaten Schlimmeres zu verhindern.

Diakonie-Vorstand und Landespastor Heiko Naß: „Die anhaltend hohe Zahl der von Wohnungslosigkeit bedrohten oder betroffenen Menschen gibt Anlass zur Sorge. Seit Jahren hat sie sich auf einem hohen Niveau eingependelt, Besserung ist nicht in Sicht. Das dürfen wir als Gesellschaft so nicht länger hinnehmen! Dabei hat die Wohnungslosenhilfe gerade im vergangenen Jahr Großartiges geleistet. Trotz strenger Hygieneauflagen konnte der Betrieb aufrechterhalten und die Betroffenen weiter im hohen Umfang unterstützt werden.

Gemeinsam mit Land und Kommunen wurden Lösungen gefunden und zusätzliche Notunterkünfte geschaffen. Für diese gute Zusammenarbeit sind wir sehr dankbar. Wir dürfen aber nach der Corona-Krise nicht wieder hinter dieses Maß an Angeboten zurückfallen. Am Ende benötigen wir einen Paradigmenwechsel. Denn ohne mehr bezahlbaren Wohnraum können wird das Problem der Wohnungslosigkeit nicht nachhaltig bekämpfen.“

Im vergangenen Jahr haben 7.343 Menschen die Angebote der diakonischen Wohnungslosenhilfe in Anspruch genommen. Statistisch gesehen ist das ein leichter Rückgang im Vergleich zu 2019. Die Diakonie geht aber davon aus, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt. Hinzu kommt, dass gerade zu Beginn der Corona-Krise bestimmte Angebote der Wohnungslosenhilfe aufgrund der Abstands- und Hygieneregeln nur eingeschränkt wahrgenommen werden konnten bzw. einige Betroffene aus Furcht sich anzustecken den Kontakt mieden. Außerdem durften bis September 2020 vorübergehend bei Mietrückständen keine Mietverträge gekündigt werden. Diese Umstände wirkten sich auf die Gesamtstatistik des vergangenen Jahres aus.

Brennpunkte der Wohnungslosigkeit bleiben die kreisfreien Städte Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster. Betroffen sind aber auch die ländlicheren Gebiete, vor allem an der Westküste und im Hamburger Umland.

Die diakonische Wohnungslosenhilfe hat sich im vergangenen Jahr schnell auf die Corona-Krise eingestellt. Es wurden neue Beratungsformate entwickelt, Öffnungszeiten von Tagestreffes erweitert und in Kiel, Lübeck, Norderstedt und Husum im Rahmen des Winternotprogramms weitere Unterkünfte geschaffen. Bei der Finanzierung kam Unterstützung von den Kommunen und vom Land, das die jährliche Erhöhung der Fördermittel für die Wohnungslosenhilfe erneut fortgeschrieben hat. Die Vermittlung von Wohnraum gestaltete sich allerdings schwieriger, auch weil Jobcenter und kommunale Behörden teils nur eingeschränkt geöffnet waren.

Die Einrichtungen standen aber nicht nur wegen strenger Hygieneauflagen vor großen Herausforderungen. Im Zuge der Corona-Krise hat sich auch das Klientel verändert. Da Einrichtungen der Psychiatrie, Suchthilfe oder Behindertenhilfe zum Teil keine neuen Fälle mehr aufnehmen durften, nahmen Betroffene die niedrigschwelligen Angebote der Wohnungslosenhilfe in Anspruch. So berichtet die stadt.mission.mensch in Kiel, dass sie wohnungslose Menschen mit Behinderungen und Pflegebedarf betreut und dazu auch Pflegedienste vermittelt hat. Die Beratungsstelle in Bad Segeberg wird zunehmend von Ratsuchenden angesprochen, deren Häuser wegen wegbrechender Einnahmen zwangsversteigert werden.

Die Diakonie Schleswig-Holstein unterstützt über ihre Stiftung und in Zusammenarbeit mit diakonischen Trägern an mehreren Standorten Projekte, die Wohnraum für Menschen mit besonderen Bedarf schaffen. In Kiel wurden zum Beispiel gemeinsam mit der Hempels-Stiftung 12 Wohneinheiten zur Verfügung gestellt. In Nortorf baut die Diakonie Altholstein 70 Wohnungen. Andere Träger mieten in Zusammenarbeit mit den Kommunen Wohnungen an, um diese dann an Betroffene unterzuvermieten. Mittel- und langfristig kann die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt aber nur durch den Bau neuer, bezahlbarer Wohnungen verbessert werden. Hier sieht die Diakonie Land und Kommunen weiter in der Pflicht.

Die aktuelle Wohnungslosenstatistik finden Sie hier.