Anerkennung WIRKLICHMACHEN

Ehemalige Heimkinder – die Diakonie stellt sich ihrer Verantwortung

Gewalt, Missbrauch, schwarze Pädagogik – die Berichte ehemaliger Heimkinder machen immer noch betroffen. Auch unter dem Dach der Diakonie in Schleswig-Holstein ist Kindern und Jugendlichen bis in die 1970er Jahre in Einrichtungen der stationären Heimerziehung Gewalt und Missbrauch widerfahren. Wir stellen uns dieser Verantwortung!

Spätestens seit Anfang der 2000er-Jahre sind die Berichte ehemaliger Heimkinder einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Eine erste grundlegende Analyse des Geschehens lieferte der 2008 vom Land eingesetzte Runde Tisch, an dem sich auch ehemalige Heimkinder beteiligten. Der Bericht war auch für die Diakonie in Schleswig-Holstein eine wichtige Grundlage für die weitere Aufarbeitung und anstehende Entscheidungen.

Öffentliche Anerkennung

Die Richtung gab die ehemalige Landespastorin Petra Thobaben vor: Bei einer Ausstellungseröffnung mit Bildern des Künstlers und Betroffenen Eckhard Kowalke am 1. November 2009 bekannte sie sich zur Mitverantwortung der Diakonie und bat die Betroffenen um Entschuldigung.

„Ich verneige mich im Respekt vor den Opfern und bitte um ihre Vergebung für das ihnen zugefügte Leid, weil auch die Diakonie teilhatte an einem Klima, in dem Gewalt und Übergriffe geschehen sind.“

Ehemalige Landespastorin Petra Thobaben

Offene Ohren für ehemalige Heimkinder

Wie schon Petra Thobaben ist auch der heutige Vorstand des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein offen für Gespräche mit den Betroffenen. Seit 2014 wurden mehrere ehemalige Heimkinder persönlich beraten und begleitet. Das Diakonische Werk berät in rechtlicher Hinsicht, vermittelt die Betroffenen an psychologische und seelsorgerische Beratungsangebote und hilft ihnen bei der Suche nach Informationen zu ihrem Aufenthalt in diakonischen Einrichtungen. Nach neu aufgestellten Qualitätsstandards werden die Gespräche immer gendergerecht und unter Beteiligung einer traumapsychologisch geschulten Fachkraft geführt.

Fonds Heimerziehung und Stiftung Anerkennung und Hilfe

Nach dem Runden Tisch Heimerziehung auf Bundesebene im Jahr 2010 wurde der Fonds Heimerziehung aufgelegt. Bund, Länder und die beiden großen Kirchen zahlten insgesamt 302 Millionen Euro ein. Die Nordkirche und damit auch das Diakonische Werk Schleswig-Holstein waren mit beträchtlichen Mitteln mit an Bord (s. Tabelle). Über den Fonds erhielten Betroffene Anerkennungsleistungen in Höhe von maximal 20.000 €. In Schleswig-Holstein begleitete ein Fachbeirat die Arbeit des Fonds Heimerziehung, bei dem die Diakonie den Vorsitz hatte.

Für Menschen, die als Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben, richteten Bund, Länder und die beiden großen Kirchen die Stiftung Anerkennung und Hilfe ein. Gesamtvolumen: 288 Mio. Euro. Zu den Aufgaben der Stiftung zählen die individuelle finanzielle Anerkennung sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung der Leid- und Unrechtserfahrungen. Dabei erhalten Betroffene Leistungen von bis zu 14.000 Euro. Das Diakonische Werk engagiert sich im Fachbeirat der Stiftung in Schleswig-Holstein und unterstützt die Anlauf- und Beratungsstelle.

 

"Wir unternehmen alles, damit Kinder und Jugendliche in unseren Einrichtungen heute und künftig kein Unrecht und Leid erfahren müssen.“

Landespastor Heiko Naß

„Es ist und bleibt uns ein hohes Anliegen, das geschehene Unrecht aufzuarbeiten und die Betroffenen dabei zu unterstützen, Hilfs- und Anerkennungsleistungen zu erhalten."

Landespastor Heiko Naß

Umfangreiche wissenschaftliche Aufarbeitung

Die Stiftung Anerkennung und Hilfe hat eine bundesweite wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die die Leid- und Unrechtserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie intensiv beleuchten soll. Dem Diakonischen Werk Schleswig-Holstein ist es gelungen, die Vorwerker Diakonie in Lübeck als Ort der Untersuchung in die Studie einzubringen. Darüber hinaus unterstützt die Diakonie die wissenschaftliche Untersuchung der Medikamentenversuche am ehemaligen Landeskrankenhaus in Schleswig, indem möglichen Hinweisen in den Archiven der Träger nachgegangen wird.

Vertrauliche unabhängige Beratungsstelle

Wer eine Grenzverletzung beobachtet hat oder selber betroffen ist, kann sich an die Vertrauliche Anlauf- und Beratungsstelle (VABS) wenden. Die Fachstelle leistet keine therapeutische Begleitung, sondern vermittelt bei Bedarf an die bestehenden Hilfesysteme. Sie führt Beratungen auch mobil im Umfang von maximal fünf Kontakten pro Anfrage durch. Mail: vabs@kompass-ffa.de

Archivar

Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein hat einen Archivar beauftragt, Betroffenen dabei zu helfen, die Trägerschaft jener Einrichtungen herauszufinden, in denen sie untergebracht waren. Angesichts häufiger Trägerwechsel in der Vergangenheit ist das oft kein einfaches Unterfangen. Darüber hinaus unterstützt der Archivar diakonische Einrichtungen dabei, Datenbestände und Unterlagen fachgerecht zu archivieren und damit für mögliche weitere Nachforschungen zu erhalten. Anfragen unter: diakoniesh@archivjenner.de.

Weitere Aktivitäten

  • Beteiligung am Preis für zukunftsweisende präventive Projekte des Landes Schleswig-Holstein
  • Fachtage zum Thema Zwang und Gewalt in der Psychiatrie
  • Fortbildungsreihe für Beraterinnen und Berater bzw. Pflegekräfte im Umgang mit Retraumatisierungen ehemaliger Betroffener
  • Einrichtung einer Präventions- und Meldestelle beim Diakonischen Werk Schleswig-Holstein

Kinder- /Jugendhilfe heute

In den stationären Einrichtungen der diakonischen Kinder- und Jugendhilfe hat sich in den vergangenen 50 Jahren viel verändert. Die Arbeit dort folgt heute modernen pädagogischen Prinzipien und dem Ziel, die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg zu selbstständigen, selbstbewussten und mündigen Menschen zu begleiten. In allen Einrichtungen gibt es ein Beschwerdemanagement, Zugänge zu externen Beschwerdestellen sowie präventive Schulungsmaßnahmen. Noch vor der Corona-Krise organisierte das Diakonische Werk mehrtägige Schulungsreihen zur Prävention sexueller Gewalt. Innerhalb des Landesverbandes wurde ein eigenes Schutzkonzept erarbeitet.