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Erster Schuldenreport für Schleswig-Holstein

Rendsburg, 18. Januar 2016I  Alleinerziehende Frauen und alleinlebende Männer sind im Norden proportional am häufigsten von Überschuldung betroffen.Das ist ein wesentliches Ergebnis des ersten Schuldenreports der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein. Dafür wurden die Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamtes sowie die Daten der 35 anerkannten Schuldnerberatungsstellen im Land ausgewertet. „Auf diese Weise erhalten wir erstmals ein repräsentatives Bild über die Lebenssituation von überschuldeten Menschen in Schleswig-Holstein“, sagt die Leiterin der Koordinierungsstelle Alis Rohlf. „Der Report verdeutlicht eindrucksvoll, dass trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosenzahlen sich immer noch viele Menschen in einer prekären finanziellen Situation befinden.“

Im Jahr 2014 haben 26.780 Menschen die Schuldnerberatungsstellen in Anspruch genommen. Diese Zahl spiegelt die langfristigen Beratungen wider.  Kurzberatungen wurden nicht erfasst. Daher ist die Zahl der Menschen, die die Beratungsangebote wahrgenommen haben, wesentlich höher. „Wir gehen allerdings davon aus, dass nur 15 Prozent der Betroffenen überhaupt uns aufsuchen“, so Alis Rohlf. „Die Dunkelziffer liegt nach unseren Erkenntnissen im sechsstelligen Bereich.“  

Ein Großteil der überschuldeten Menschen lebt in Single-Haushalten. Mit 46 Prozent liegt der Wert deutlich über dem Anteil an der Gesamtbevölkerung in Schleswig-Holstein (39 Prozent). Dabei sind alleinlebende Männer und alleinerziehende Frauen überproportional häufig überschuldet. Mehr als jeder vierte Ratsuchende ist ein alleinlebender Mann, gut 14 Prozent sind alleinerziehende Frauen. Fast drei Viertel der Klienten ist zwischen 25 und 55 Jahren alt. Der Anteil der über 65-jährigen ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen auf knapp sieben Prozent im Jahr 2014. Die Koordinierungsstelle rechnet hier mit einem weiteren deutlichen Anstieg. Abgesehen vom Alter sind unter den Betroffenen auffällig viele Arbeitslose (fast 45 Prozent) und Menschen ohne Berufsausbildung (knapp 40 Prozent)

Die Ursachen für eine Überschuldung sind nach Erfahrungen der Beratungsstellen vielfältig. Am häufigsten führen Arbeitslosigkeit, unwirtschaftliche Haushaltsführung, Erkrankung und Trennung bzw. Scheidung zu einer finanziell prekären Lage. Auffällig ist zudem, dass viele Ratsuchende nur ein sehr niedriges Nettoeinkommen haben. 46 Prozent hatten 2014 weniger als 900 Euro pro Monat zur Verfügung. „Das liegt weit unter der Armutsgrenze und zeigt, dass Verschuldung ein soziales Problem ist“, betont Alis Rohlf. „Das weitverbreitete Vorurteil, die Betroffenen würden sich durch einen übermäßigen Konsum selbst in die Lage manövrieren, ist damit endgültig widerlegt.“

Die Arbeit der Beratungsstellen geht daher über die reine Schuldenregulierung  hinaus. „Überschuldung ist mehr als nur ein materielles Problem. Sie hat gravierende Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Familien. Die Bedrohung der existentiellen Grundlage führt in die soziale Isolation und belastet erheblich die physische und psychische Gesundheit“, so Alis Rohlf. „Die Beratungsstellen unterstützen die hilfesuchenden Menschen, ihre  Lebensverhältnisse zu stabilisieren. Dazu gehört ganz wesentlich der Erhalt des Arbeitsplatzes.“ Hinzu kommt die präventive Arbeit der Beratungsstellen. Unter anderem werden Veranstaltungen zu den Themen Geld, Konsum und Schulden angeboten. Im Blickpunkt stehen dabei vor allem junge Erwachsene, die zunehmend auch von Überschuldung betroffen sind.

In Schleswig-Holstein gibt es insgesamt 35 anerkannte und öffentlich geförderte Beratungsstellen mit 107 Vollzeitstellen. Sie werden je nach Aufgabenbereich vom Land oder den Kommunen finanziert und erhalten darüber hinaus Unterstützung vom Sparkassen- und Giroverband. Die Koordinierungsstelle mit Sitz in Rendsburg begleitet den landesweiten, trägerübergreifenden Qualitätsprozess, fördert die Schuldenprävention und ist für die Fortbildung verantwortlich.

Die Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein arbeitet damit im Bundesvergleich auf hohem Niveau. „Es kommt nun aber darauf an, das Niveau zu halten und auszubauen. Öffentlichkeit und Politik müssen davon überzeugt werden, dass weiter in ein bedarfsgerechtes Angebot für überschuldete Menschen investiert werden muss“, fordert Alis Rohlf. „Die beratende und präventive Arbeit der Beratungsstellen hat letztlich auch einen ökonomischen Nutzen. Sie hilft Transferleistungen zu vermeiden und Kaufkraft zurückzugewinnen.“

 

Für Rückfragen:

Friedrich Keller…………..Pressesprecher, Diakonisches Werk Schleswig-Holstein

                                              Tel: 04331-593 197; Mobil: 0174-94 500 90

                            

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