Wohnungslos: Steigende Zahlen - Diakonie fordert mehr Hilfsangebote für Frauen

Von Wohnungslosigkeit betroffene Frauen nehmen die Wohnungslosenhilfe seltener in Anspruch als Männer. Grund: Vielerorts fehlen spezielle Angebote für Frauen und entsprechende Schutzräume. Deshalb setzt sich die Diakonie Schleswig-Holstein dafür ein, flächendeckend Beratungen, Tagestreffs und Notunterkünfte nur für Frauen einzurichten. Darüber hinaus fordert der Wohlfahrtsverband eine auskömmliche Finanzierung der Wohnungslosenhilfe im nördlichsten Bundesland. Laut aktueller Wohnungslosenhilfe-Statistik der Diakonie ist 2025 die Gesamtzahl der Rat- und Hilfesuchenden erneut angestiegen.

„Wohnungslose Frauen leben oft unter dem Radar“, sagt Landespastor und Diakonievorstand Heiko Naß, „Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen mit Gewalt und Ausbeutung durch Männer gemacht. Deshalb leben sie seltener auf der Straße und meiden geschlechterübergreifende Angebote der Wohnungslosenhilfe, die sie als unsicher wahrnehmen. Stattdessen begeben sie sich in prekäre Wohnverhältnisse bei Freundinnen oder Bekannten, gehen Zweckbeziehungen ein oder kehren in gewaltvolle Lebensumstände zurück, um nicht obdachlos zu sein. Hier müssen dringend Schutzmaßnahmen verstärkt und wohnungslose Frauen unterstützt werden. Dafür sind beispielsweise getrennte Hilfsangebote für Frauen und Familien sowie für Männer absolut notwendig.“

Getrennte Angebote zeigen Wirkung

Dass das funktioniert, zeigen die größeren Städte in Schleswig-Holstein, zum Beispiel Lübeck. Die Diakonie Nord Nord Ost hält dort getrennte Notunterkünfte für Männer, Frauen und Jungerwachsene vor. Auch die diakonischen Beratungsstellen sind geschlechterspezifisch aufgestellt. „So können wir besser auf die Bedürfnisse von Frauen und jüngere Menschen eingehen und sie in einer Umgebung begleiten, in der sie sich sicher fühlen“, so Friedemann Ulrich, Leiter der Wohnungslosenhilfe bei der Diakonie Nord Nord Ost. „Auf diese Weise ist es uns in den vergangenen Jahren gelungen, immer mehr von Wohnungslosigkeit betroffene Frauen mit unseren Angeboten zu erreichen.“

Situation im ländlichen Raum

Anders sieht die Situation im ländlichen Bereich aus: Frauen und Kinder müssen in Notunterkünften teils Tür an Tür mit fremden Männern übernachten. Beratungsstellen fehlt es an Kapazitäten, um zum Beispiel zu gesonderten Zeiten für Frauen zu öffnen. Aus Sicht der Diakonie sollten in Schleswig-Holstein dringend flächendeckend einheitliche Standards für die Wohnungslosenhilfe geschaffen und eingehalten werden.  

Immer mehr Betroffene

Im vergangenen Jahr haben in Schleswig-Holstein gut 3.000 Frauen die Angebote der diakonischen Wohnungslosenhilfe in Anspruch genommen. Insgesamt zählten die Einrichtungen 10.919 Rat- und Hilfesuchende, gut 600 mehr als 2024. Die Diakonie geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen wesentlich höher liegt. Einen Hinweis hierfür gibt eine Stichtagserhebung des Statistischen Bundesamts: In der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 2025 waren in Schleswig-Holstein rund 29.000 Menschen in einer Notunterkunft untergebracht. 

Zahl der Rat- und Hilfesuchenden bei der diakonischen Wohnungslosenhilfe

Wohnungslosenhilfe am Limit

Angesichts dieser Zahlen arbeiten die Beratungsstellen und Tagestreffs der diakonischen Wohnungslosenhilfe am Limit. Hinzu kommen stetig steigende Personal- und Betriebskosten bei gleichzeitig gedeckelten Zuschüssen, etwa vom Land. Das zahlt seit Jahren unverändert 900.000 Euro. Mitarbeitende der Wohnungslosenhilfe berichten, dass sie kaum mehr angemessene und nachhaltige Beratungen durchführen können. Trotz teils sehr komplexer Fälle stünden pro Klient oder Klientin nur kurze Zeitfenster zur Verfügung. Die Diakonie appelliert an das Land und die Kommunen, die Mittel für die Wohnungslosenhilfe aufzustocken. 

Mehr Prävention, mehr Wohnraum

„Vor allem muss es aber darum gehen, Wohnungslosigkeit zu vermeiden“, sagt Landespastor und Diakonievorstand Heiko Naß. „Dazu setzen wir uns landesweit für Präventionsangebote ein, um in Notlagen Kündigungen von Wohnungen abwenden zu können. Zudem benötigen wir mehr bezahlbaren Wohnraum, der auch für von Wohnungslosigkeit betroffene Menschen zugänglich ist. Unserer Erfahrung nach reicht aber Wohnraum allein nicht aus. Viele Klientinnen und Klienten der Wohnungslosenhilfe brauchen Beratung und Begleitung, um angemietete Wohnungen langfristig auch halten zu können.“ 

Kritisch sieht der Landesverband die härteren Sanktionen bei der neuen Grundsicherung. Hier sind keine oder wesentlich kürzere Karenzzeiten bei zu hohen Mietkosten bzw. bei Wohneigentum vorgesehen. Da gleichzeitig kostengünstige Alternativen fehlten, könnten die Betroffenen schnell ohne Wohnung dastehen. 

Diakonische Wohnungslosenhilfe

Die Diakonie ist der größte Anbieter im Bereich der Wohnungslosenhilfe in Schleswig-Holstein. In zahlreichen Städten und Kreisen hält der Wohlfahrtsverband Beratungsstellen, Tagestreffs und Notunterkünfte vor. Diese werden überwiegend von Kommunen und dem Land finanziert.