Bewährtes Konzept, unzureichende Umsetzung
Bereits 1987 empfahl der Deutsche Städtetag mit dem Fachstellenkonzept ein Organisationsmodell, das Prävention, Beratung und Koordination bündelt. Der Grundgedanke gilt bis heute: Wohnungsverlust zu verhindern ist sozial wie volkswirtschaftlich sinnvoller, als die Folgen von Wohnungslosigkeit aufzufangen. Doch das Ziel bleibt unerreicht: Die Zahl der Menschen in Wohnungsnotfallsituationen steigt, während Kommunen und freie Träger zunehmend unter Druck geraten. Die aktuellen Hochrechnungen der BAG W machen das Ausmaß deutlich: Mindestens 1.029.000 Menschen waren 2024 in Deutschland wohnungslos - Tendenz steigend.
„Der Erhalt der Wohnung ist für die Menschen die beste Lösung, menschlich wie finanziell“, sagt Sabine Bösing, Geschäftsführerin der BAG W. „Vierzig Jahre nach Einführung des Fachstellenkonzepts wissen wir, was wirkt. Was fehlt, ist nicht das fachliche Wissen, sondern der konsequente politische Wille, Prävention flächendeckend zu stärken.“
Politik und Praxis im Dialog
Im Vorfeld der Tagung erklärt Aminata Touré, Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein „Wer seine Wohnung verliert, verliert weit mehr als nur vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Er verliert Sicherheit, Stabilität und die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Wohnungslosigkeit entsteht nicht plötzlich, sondern ist häufig die Folge sozialer, finanzieller oder gesundheitlicher Belastungen. Gerade Frauen geraten durch Trennung und Gewalt in existenzielle Notlagen. Deshalb sind frühzeitige Beratung und wirksame Prävention so wichtig. Als Land stärken wir seit vielen Jahren die Wohnungslosenberatungsstellen der freien Wohlfahrtsverbände und unterstützen Projekte, die gewaltbetroffenen Frauen bei der Wohnungssuche helfen. Außerdem setzen wir uns nachdrücklich für eine Sozialpolitik ein, die Menschen in schwierigen Lebenslagen verlässlich zur Seite steht", so Touré.
„Unsere Erfahrungen in Schleswig-Holstein zeigen, Prävention in der Wohnungslosenhilfe wirkt“, sagte Heiko Naß, Vorstand Diakonisches Werk Schleswig-Holstein. „In den Städten und Gemeinden, in denen es präventive Angebote gibt, kann in vielen Fällen der Verlust von Wohnraum vermieden werden. Aus Sicht der Diakonie sollten solche Angebote flächendeckend eingeführt und mit bestehenden Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe verknüpft werden. Diese werden von Betroffenen meist als niedrigschwelliger wahr- und besser angenommen. Zudem können so gestaltete Angebote eine längerfristige und nachhaltige Begleitung der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen sicherstellen, um erneute Mietschulden zu vermeiden. Dabei besteht auch die Möglichkeit, auf die Expertise anderer Beratungsstellen, zum Beispiel der Schuldner-, Lebens- und Sozialberatung, zurückzugreifen.“
Die Tagung griff zentrale Herausforderungen präventiver Arbeit auf: Datenschutzfragen, wirksame Mietschuldenberatung, die Zusammenarbeit mit Vermietenden sowie neue Problemlagen auf angespannten Wohnungsmärkten, etwa Wohnungsnotfälle trotz gesicherten Einkommens. Praxisbeispiele verdeutlichten die Wirksamkeit zentraler Fachstellen und den Bedarf an ihrem flächendeckenden Ausbau in ganz Deutschland.
Zugleich formulierten die Veranstalter konkrete sozialpolitische Forderungen: Eine ordentliche Kündigung soll durch Schonfristzahlung analog zur außerordentlichen Kündigung geheilt werden können, um Wohnungsverluste frühzeitig abzuwenden. Kritisch diskutiert wurden außerdem Reformvorhaben im SGB II, die aus Sicht der Fachpraxis das Risiko von Wohnungslosigkeit erhöhen. Hervorgehoben wurde dabei auch die Bedeutung regionaler und überregionaler Vernetzung, um erfolgreiche Ansätze zu verankern und Prävention nachhaltig zu stärken.
Eines ist klar: Präventive Wohnungsnotfallhilfe ist unverzichtbar, aber sie braucht mehr politischen Rückhalt, verlässliche Finanzierung und klare Zuständigkeiten. Die Tagung in Kiel setzte mit über 70 Teilnehmenden ein starkes Zeichen dafür.
